Ein Plädoyer gegen die alltägliche Gewalt in der Pferdeausbildung

Warum Druckmethoden so ihre Probleme haben

Egal, ob man ein Pferd mit der Gerte schlägt, ein Seil nach ihm wirft oder an einem Zughalfter ruckt, das Prinzip der Arbeit bleibt bei den meisten Pferdetrainern stets gleich. Es wird Druck ausgeübt, bis das Tier macht, was der Mensch verlangt. Diese Vorgehensweise ist nicht nur ethisch bedenklich, sondern hat auch viele erwiesene Nachteile:

  • Wenige Informationen werden transportiert. Das Tier lernt nicht, was es tun soll, sondern nur, was es nicht darf. Gibt man einem Pferd in seinem Leben sehr häufig das Gefühl, dass es weder dieses noch jenes tun darf, entwickelt sich daraus eine sogenannte „erlernte Hilflosigkeit“. Das Pferd hat gelernt, dass es sich nicht lohnt, irgendetwas auszuprobieren und verhält sich fortan möglichst passiv und unauffällig. Dies wird von vielen Trainern als „gehorsam“ eingestuft. In Wirklichkeit ist das Pferd unterdrückt, es lebt unter Stress und Angst. Ein Armutszeugnis für einen Trainer…
  • Untersuchungen haben gezeigt, dass eine Strafe (jegliche Ausübung von Druck und Gewalt ist eine Form der Strafe) höchstens verwendbar ist, um ein Verhalten abzutrainieren, nicht aber um dem Pferd etwas neues beizubringen. Auch das Abtrainieren funktioniert in den seltensten Fällen dauerhaft.
  • Das Pferd ist mehr oder weniger frustriert, sein gesamtes Verhalten wird gedämpft. Erschreckend ist immer wieder die Tatsache, dass von vielen Reitern ein sich durch Frustration, Stress oder Angst gedämpft verhaltendes Pferd als völlig normal und erwünscht hingenommen wird. Dieses gedämpfte Verhalten erkennt man immer wieder an den in sich gekehrten Blicken der Pferde und an einem fehlenden Ohrenspiel.
  • Die Strafe (Der Druck des Trainers) unterdrückt ein Verhalten meist nur, da die Motivation (Handlungsbereitschaft) nicht geändert wird. Das Problem bleibt oft bestehen. Die Pferde lernen nur, das „Problemverhalten“ in Anwesenheit des Trainers nicht zu zeigen, nicht aber generell ein neues Verhaltensmuster. Diese Erfahrung mussten schon viele Besitzer machen, die ihr Pferd zur Korrektur abgegeben haben. Sie können (und wollen oftmals glücklicherweise auch nicht) den vom Trainer eingesetzten Druck im Alltag nicht aufrecht erhalten. Die Pferde zeigen meist nach kurzer Zeit ein ähnliches Problem wieder.
  • Jedes Tier wird versuchen, einer Strafe und dem Druck zu entgehen, ein neues Problem kann so leicht entstehen. So gab es beispielsweise den Fall, in dem ein Steiger, der mit Gewalt „korrigiert“ werden sollte, zum Durchgänger wurde. Der Besitzer kam vom Regen in die Traufe. Das eine lebensgefährliche Verhalten wurde durch ein anderes ersetzt.
  • - Das Pferd empfindet je nach Härte der Strafe, Stärke des Drucks, Frustration, Angst oder Schmerz. Dies ruft häufig Aggressionen hervor. Jeder Besitzer sollte sich der Gefahr bewusst sein, dass ein aggressives Pferd für ihn selbst eine große Gefahr darstellt. Irgendwann wird bei jedem Tier die Grenze dessen überschritten, was es ertragen kann und es wird sich gegen den Druck wehren.
  • Eine Strafe löst eine Stressreaktion aus. Lernen ist unter Stress nicht möglich. Ihr Pferd wird selbst für die einfachsten Lernschritte unter Druck Monate brauchen.
  • Die Beziehung zwischen Mensch und Tier verschlechtert sich durch die Ausübung von Druck. Selbst wenn man nach einem „Korrekturberitt“ ein scheinbar problemloses Pferd vor sich hat, wird man nie eine enge Beziehung zu diesem Tier aufbauen können. Ein Pferd wird sich verschließen und in sich gekehrt bleiben.
  • Der Zeitpunkt des Strafens ist schwierig. Das Pferd darf keinen Erfolg seines Verhaltens spüren und sich somit selbst belohnen. Dies hat sich in der Praxis als unlösbares Problem dargestellt. Druck oder Strafe länger als 1 bis 2 Sekunden nach dem vom Tier gezeigten Verhalten, kann das Pferd nicht mehr mit seiner Handlung verbinden. Eine solche Strafmaßnahme stellt somit eine Misshandlung des Pferdes dar.
  • Tiere nehmen beim Lernen auch Ihre Umgebung wahr. Es kann passieren, dass das Pferd eine Strafe oder den vom Besitzer ausgehenden psychischen Druck nicht mit dem eigenen Verhalten verknüpft, sondern mit den beteiligten Personen, dem Ort oder mit den zufällig gleichzeitig hörbaren Geräuschen. Die Umgebung wird in Folge dessen negativ wahrgenommen. Die Tragik dieser Tatsache spiegelt sich in der häufig gehörten Aussage wieder: „Mein Pferd arbeitet nicht gerne auf dem Reitplatz“. Der Reitplatz ist für viele Pferde der Ort, an dem sie schon viele negative Erfahrungen gemacht haben. Ein durch positive Methoden ausgebildetes Pferd arbeitet gerne und geht auch gerne auf den Reitplatz, da dieser ein Ort der Freude und Anerkennung sein sollte.
  • Das Tier gewöhnt sich an die Strafe, den alltäglichen Druck, immer drastischere Methoden werden nötig. Erst tut es noch die normale Trense, dann werden diverse Hilfszügel probiert, um schließlich zu immer schärferen Gebissen zu kommen. Diese althergebrachte Praxis findet man immer wieder, man findet abgestumpfte Pferde leider zu Tausenden in deutschen Reitställen. Eine traurige Bilanz.

Die zeitgemäße Herangehensweise an Verhaltensprobleme erfordert keine spezielle Ausrüstung.  Sie erfordert Wissen und die Veränderung des eigenen Verhaltens. Sie erfordert Menschen, die nicht nur behaupten, gewaltlose Methoden anzuwenden, sondern es auch tun. Zum Wohle unserer Pferde.

In diesem Sinne,

LG,

Marlitt

10 Kommentar(e)

  1. Sehr mutig von Dir dieses Plädoyer! Hoffentlich sind die Menschen bereit, sich zu erkennen und entsprechend umzudenken.

    Ich glaube, es ist nicht einfach, sich in Frage zu stellen; sich Fehler einzugestehen. Viele Menschen können oder wollen dies nicht. Denn manchmal bleibt erst einmal nicht viel übrig, wenn man damit anfängt.

    Mach´ bitte weiter so. Ich finde, Du hast eine sehr wichtige Seite ins Netz gebracht. Ich lese hier sehr gern.

    Viele Grüße

    Zauberpferd | Mai 14, 2010 | antworten

  2. Hallo Marlitt,

    wieder einmal hast du mit deinen Worten den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich habe mich im Text oft wiedergefunden - so war ich früher. Heute gehöre ich in meinem Umfeld (zum Glück nicht in unserem neuen Stall ;)) zu denen, die viel viel genauer hinsehen als alle anderen und oft zerreißt es mir das Herz, wenn ich sehe, was da allgegenwärtig als Standard hingenommen und toleriert wird. Wie viel mehr glücklichere Pferde hätten wir wohl, wenn sich jeder von denen mal diesen Text durchlesen würde…?

    Werde deine Zeile auf alle Fälle verlinken.

    LG Conny

    Conny | Jun 8, 2010 | antworten

  3. Vielen Dank Euch beiden, ich sehe es auch so, es gibt viel zu viele unglückliche Pferde, da ist es nur gut, wenn wir es gemeinsam schaffen, etwas mehr Sensibilität im Umgang mit Pferden vermitteln.
    LG,
    Marlitt

    Marlitt | Jun 16, 2010 | antworten

  4. Hallo,

    danke für dieses Plädoyer. Es trifft mich im Moment an einer wunden Stelle, da ich vor einem riesigen Problem stehe: meine beiden Pferde, die ich im obigen Sinne ausgebildet habe und stolz darauf bin, dass sie ihre Persönlichkeit entwickelt haben - nun ich werde sie wegen einer schweren Erkrankung, die mich ereilt hat, nicht mehr selbst versorgen können. Ich hoffe inständig, für sie jemanden zu finden, der ihrer Sensibilität und Menschenzugewandtheit gerecht werden kann…

    Danke für den Einsatz zum Wohle der Pferde.

    LG Sue

    Sue | Jun 17, 2010 | antworten

  5. Hallo Sue,

    ich wünsche Dir viel Kraft und alles Gute, damit Du jemanden finden kannst, der Deine Pferde in deinem Sinne weiterversorgen kann.
    Herzliche Grüße,
    Marlitt

    Marlitt | Jul 17, 2010 | antworten

  6. Liebe Marlitt,

    vielen herzlichen Dank für diesen eindringlichen Text.

    Sonnige Grüße. Kelly

    Kelly | Jul 20, 2010 | antworten

  7. Ja ja, Papier ist geduldig, und diese Antwort-Kommentar- und Forenseiten wahrscheinlich auch - sicherlich geduldiger als 99 Prozent aller Menschen, die sich mit Pferden oder überhaupt mit Tieren befassen, inclusive aller selbsternannten Pferdeflüsterinnen und Tiertrainer und was dergleichen mehr ist. Druck führt dann zu schnellen (Patent-)Lösungen, wenn Zeit fehlt. Ohne ausreichend Zeit ist es unmöglich, genügend Geduld mitzubrinegn. Und alle tollen Frauen-Pferdezeitschriften sind voll von diesen simplen Ursache-Wirkungs-Geschichten, wie man was besonders gut und besonders schnell erreicht, geschrieben wie Kochrezepte, selbst von so genannten erfahrenen Pferdetrainern und Ausbildern. Wahrscheinlich brauchen Frauen sowas, solche, die sich Zauberpferd und sonstwie blöde nennen und ihre Pferde nur als Partner- oder Beziehungsersatz sehen. Ganz abgesehen davon, dass auch Pferde untereinander Druck ausüben können oder sich gegenseitig bestrafen und das auch tun, aber das ist eine ganz andere Geschichte. Es gibt vielleicht eine handvoll Leute, die es wirklich “draufhaben”, ohne Gewalt, ohne Druck, nur mit Respekt und Einfühlungsvermögen und viel Geduld auf Pferde einzugehen - und einzuwirken. Aber dazu reicht es nicht, eben mal kurz auch der Koppel vorbeizuschauen mit den neuesten Kochrezepten aus diesen Pferdeillustrierten… Da gehört ein bißchen mehr dazu, Zeit vor allen Dingen, Zeit, mal eine Stunde lang oder auch zwei einfach nur auf der Weide zu sitzen und seinen Tieren zuzuschauen, sie zu beobachten, oder einfach mal sein Pferd Weg und Geschwindigkeit beim Ausritt bestimmen zu lassen, ohne ständig irgendwo dran rumzuziehen. Die meisten Menschen sehen ihr Tier, gleich welches, nicht als Individuum, nicht als Tier seiner Art, sondern sie projizieren irgendetwas von sich selbst hinein, möchten sich damit provilieren, aufwerten, wollen Erfolg, Geld, Ersatzbefriedigung, was auch immer. Tiere sind dabei fast immer nur ein Besitz, eine Sache, die funktionieren muss wie eine Maschine, ansonsten holt man sich Tipps, oder lässt sie reparieren, und wenn es schlimm läuft, spätestens aber, wenn andere lachen oder drohen, trennt man sich von ihr.. So denken Menschen, die meisten jedenfalls, ich glaube nicht, dass man da viel ändern kann.

    H. Zanner | Jul 20, 2010 | antworten

  8. Ich bin dankbar über meine Importtinkerinnen ans Umdenken und Fühlen gelangt zu sein. Es werden immermehr Menschen, die das Pferd weniger als Sportgerät sehen, sondern sich etwas anderes wünschen. Jede hat die Verantwortung, Menschen mit Tieren über andere Sichtweisen (hiermit meine ich, das Tier als eigenständige Persönlichkeit anzuerkennen)aufmerksam zu machen.
    Ich freue mich schon auf das neue Buch…

    Ute | Aug 12, 2010 | antworten

  9. Liebe Ute,

    gerade die Importpferde haben so viel zur Erarbeitung meiner Trainingsmethode beigetragen. Und es freut mich, dass Du an dieser Herausforderung ebenfalls wachsen konntest.
    LG,
    Marlitt

    PS: Auf das neue Buch freue ich mich natürlich auch

    Marlitt | Aug 29, 2010 | antworten

  10. Ach, H. Zanner, das ist aber eine beinahe verbitterte Sichtweise. Da lässt sich ja wenig Hoffnung herauslesen. Das tut mir Leid.

    Und ich möchte widersprechen. Denn ich habe selbst die Erfahrung gemacht, dass man gängigen Klischeebildern entrinnen kann, sich aus gängigen Denkmodellen befreien kann - und sich dabei selbst weiterentwickeln und den Pferden den ihnen zustehenden Raum gewähren kann.

    Natürlich verlangt das Zeit, nichts geht schnell und auf Knopfdruck. Aber ich halte es auch für eine enorme persönliche Bereicherung, Geduld zu erlernen oder wenigstens sich in Geduld und Gleichmut zu üben.

    Diese Erfahrungs- und Lernkurve habe ich in einem Erzählbuch mit vielen Photos beschrieben, zum Teil aus meiner Sicht, zum Teil aus Sicht meiner zwei Wallache, also Mensch- und Pferdperspektive.

    -Link entfernt, siehe Impressum-

    Vielleicht könnte Sie das ein wenig aufmuntern? Es hat ja ein happy-end… nämlich Freundschaft in einer zufriedenen Mensch-Pferde-Gruppe.

    Mein Eindruck ist, dass es doch immer mehr Pferdemenschen gibt, die sich darum bemühen.

    T. Grosswiele | Aug 29, 2010 | antworten

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