Dominanz und Dominanztraining

Aus der Sicht der Verhaltensbiologie

Die Begrifflichkeit „Dominanz“ wurde im Pferdebereich aus verschiedenen Gründen nachhaltig geprägt. Zum einen entspringt sie aus einer veralteten Vorstellung der Herdenkonstellation von Pferden, die von einem rein linearen Dominanzsystem ausging. Zum anderen wurde unter dem Deckmantel des Dominanztrainings eine große Pferdetrainings-Industrie aufgebaut, die ihr System der negativen Verstärkung und der Strafreize unter diesem Begriff verkauft und fälschlicherweise verhaltensbiologische Definitionen verwendet, um ihren negativen Trainingsmethoden den Anschein zu verleihen sie wären natürlich und pferdegerecht.

Der Begriff “Dominanz” ist fĂĽr den Reiter wenig nĂĽtzlich

Meine Forderung zur Abkehr vom Begriff der Dominanz bezieht sich darauf, dass dieser Begriff in den einschlägigen Veröffentlichungen der Dominanztrainer in einem falschen verhaltensbiologischen Kontext verwendet wird. Es wird impliziert man könne eine Art Rangordnung zwischen Mensch und Pferd herstellen und in dieser Folge wäre das Pferd fortan brav und folgsam. Beides ist so nicht richtig. Dominanz ist im biologischen Sinne ein Begriff, der einen sozialen Status ausdrückt. Dieser zeigt an, dass ein Tier in einer bestimmen Situation, zu einer bestimmten Zeit höhergestellt ist als ein anderes, was man in diesem Zusammenhang als subdominant bezeichnet. Dominanz ist immer beziehungsspezifisch zwischen eben diesen beiden Partnern und ist immer  zeit- und situationsabhängig.

Somit gibt es kein generell dominantes Pferd, es gibt nur dominantes Verhalten.

Jedes Pferd wird sich in einigen Situationen einem bestimmten Gegenüber dominant verhalten, ein andermal subdominant. Die Anwendung dieses Begriffes ist dadurch definiert, dass es sich um die Beschreibung eines sozialen Verhältnissen handelt, bei dem die Akteure biologisch gesehen miteinander in Konkurrenz stehen, also Angehörige einer Art sind und dieselben Ressourcen, wie Nahrung, Lebensraum und Paarungspartner benötigen. Menschen und Pferde gehören unterschiedlichen Arten an, sie konkurrieren nicht um dieselben Ressourcen, der Begriff der Dominanz ist grundsätzlich in einer Mensch-Pferd-Beziehung ein falsch angewendeter verhaltensbiologischer Begriff. Somit kann es kein Dominanztraining geben, sondern es verbergen sich andere Mechanismen hinter dieser Art des Trainings. Die vorherrschende Trainingsmethode der „Dominanztrainer“ ist i.d.R. die der negativen Verstärkung bzw. die Arbeit mit Druck und Strafreizen. Pferde können aber auch auf positivem Wege erzogen werden, es besteht keine Notwendigkeit für die Arbeit mit Druck. Weiterhin ist es nicht einmal bei Pferden untereinander so, dass sie Rangordnungen im Sinne der „Dominanztrainer“ mit einem klar definierbaren Leittier bilden. Es gibt viele verschiedene Gesellschaftsformen im Reich der Pferde, ihre Beziehungen ähneln eher einem Beziehungsgeflecht als einer hierarchischen Ordnung, die Freundschaften und Kooperationen sind weit wichtiger als die Bereiche der Führung und Herrschaft.

Mehr dazu in meinem Buch:

Vertrauen statt Dominanz

LG,

Marlitt

5 Kommentar(e)

  1. Wie wĂĽrdest du es bezeichnen, wenn dein Pferd dir gegenĂĽber sehr selbstbewusst auftritt, dich umrennt usw.
    Persönlich nenne ich es einfach frech. Was denkst du? Pferde begleiten mich mein Leben lang und von diesem ganzen Gequatsche mit Dominanz(training) halte ich sehr wenig und dementsprechend gefällt mir auch dein Beitrag.

    Herzlichen GruĂź

    Liane | Okt 25, 2011 | antworten

  2. Hallo Liane,

    viele als “dominant” bezeichneten Pferde sind schlichtweg nicht erzogen. Erziehung kann dann natĂĽrlich auch mit positiver Verstärkung geschehen.
    LG,
    Marlitt

    Marlitt | Nov 1, 2011 | antworten

  3. Interessante Artikel!

    Ich finde es aber schade, den (pervertierten) Dominanzbegriff aufzugeben und anderen zu ĂĽberlassen.

    So wichtig es ist, das Pferd als Persönlichkeit wahrzunehmen und Freundschaft zu schließen, so wichtig ist es doch auch, gelegentlich Grenzen aufzuzeigen - allzu oft sehe ich Menschen, die sich von ihrem Pferd herumschubsen lassen und das nicht einmal richtig wahrnehmen. Bis dann der Fuß blau ist oder der Mensch einen Kinnhaken vom Pferdekopf bekommt oder das Pferd eben mal an der Hand steigt, wenn es gerade andere Pläne hat. Weil die Menschen die ersten Fragen des Pferds, ob sie noch wissen, was sie wollen, nicht bemerken oder nicht beachten.
    Und dabei kann man in diesem Stadium dem Pferd noch ganz höflich sagen, was man von ihm will, und dann gleich wieder zum Loben kommen.

    Sicher kann man es auch “Klarheit” nennen, “freundliche Konsequenz” oder “FĂĽhrungsstärke”, bis dann der nächste Guru den Begriff missbraucht. Und was dann?

    Heike | Dez 3, 2011 | antworten

  4. P.S.:
    “DominanzTRAINING” ist natĂĽrlich in sich absurd …

    Heike | Dez 3, 2011 | antworten

  5. Hei. :)
    Ich hab ein Problem mit meiner jetzigen Pflegestute.
    Ihr Name ist Princess sie ist 14 Jahre alt und ist fĂĽr ihre Besitzerin nur eine Zuchtstute und ist eben seit 8 Jahren nicht mehr geritten worden.
    Und mein Problem ist es eben das sie mir gegenĂĽber sehr “frech” ist z. B wen ich sie im Viereck treibe steht sie in der ecke lässt und bewegt sich nicht wen ich ihr mit der Gerte zu nahe komme schlägt sie nach mir, oder wen ich sie longieren will und sie am hufschlag ist kommt sie mit zurĂĽck gelegte Ohren in meine richtung und steigt.

    Sie ist auch zu den anderen Pferden am Hof sehr dominant gegenüber und verträgt sich kaum mit einem anderen Pferd weil sie einfach ihren eigenen Kopf hat.

    Falls mir hier jemand tipps geben kann oder wen weis an wem ich mich wenden kann bitte bescheid geben.

    Julia | Jan 9, 2015 | antworten

Kommentar schreiben