Dominanz gegenĂĽber dem Pferd?

Was ist die Dominanztheorie?

Die Dominanztheorie wurde damals vor etwa hundert Jahren entwickelt, um Beziehungen zwischen Mitgliedern organisierter Tiergesellschaften beschreiben, erklären und vorhersagen zu können. Hierzu wurde das Modell entwickelt, dass Tiere einer Gruppe Rangordnungen bilden, mit einem Alphatier als Anführer und einer Abfolge von rangniederen Tieren bis hin zum Omegatier, dem rangniedrigsten Tier. Es wurde angenommen, das Alphatier würde eine privilegierte Rolle in der Gemeinschaft einnehmen, es hat angeblich das Recht auf das wertvollste Futter, die attraktivsten Partner, die beliebtesten Ruheplätze und kontrolliert die anderen Tiere in all ihren Handlungen. Dieses Gedankenkonstrukt wurde gerne von den Pferdetrainern übernommen: Der Reiter / der Mensch soll also die Rolle des Alphas übernehmen, dann kann er das Pferd jederzeit problemlos kontrollieren. Ein Pferd soll bei Dominanzübungen unter dem Menschen eingeordnet werden und sich in seiner untergeordneten Rolle angeblich sicher und geborgen fühlen und dem Menschen vertrauensvoll folgen. Doch was die Pferdetrainer meist verschweigen, sind Studien zum Pferdeverhalten, in denen die gesamte Dominanztheorie in Frage gestellt und ad absurdum geführt wird.

Das natĂĽrliche Sozialverhalten des Pferdes

Anfang der 70er Jahre war noch das Bild des Leithengstes allgemein anerkannt. Es wurde in verschiedenen Studien aufgezeigt, dass Pferde einem Leithengst folgen. In den folgenden Jahren verdichteten sich Hinweise darauf, dass nicht der Hengst die Gruppe führt, sondern eine Leitstute an der Spitze der Gesellschaft steht. Wieder andere Studien konnten doch wieder Hengste an der Spitze finden. Man einigte sich nun darauf, dass eine Art Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern existiert: Der Hengst verteidigt die Gruppe, hat das Recht zur Fortpflanzung und andere Rivalen zu vertreiben, die Leitstute gibt die Richtung vor, in die die Gruppe zieht und was zu welchen Tageszeiten gemacht wird. Die Vorstellung einer Rangfolge innerhalb einer Gruppe an sich existierte zunächst weiter. Verschiedene weitere Studien beschrieben Dreiecksbeziehungen und kompliziertere Formen im Gegensatz zu einer linearen Rangordnung. Selbst in den  Gruppen, in denen zu einem Zeitpunkt eine lineare, hierarchische Rangordnung festgestellt wurde, konnte zu einem anderen Zeitpunkt keine mehr festgestellt werden. So trinkt beispielsweise eine säugende Stute meist vor den anderen, weil sie einen erhöhten Wasserbedarf hat.

Die heutige Sicht der Verhaltensforschung auf die Pferdeherde sieht in ihr eine kooperative Gemeinschaft von Individuen. Jedes Pferd spielt eine bestimmte individuelle Rolle. Es hat Freunde und Tiere, die ihm nicht so nahe stehen, während es bei dem einen den nahen Kontakt toleriert, hält es ein anderes auf Abstand. Freundschaften haben weder mit dem Geschlecht noch mit dem Alter der Tiere zu tun. Besonders mutige Tiere verteidigen z.B. ihre Futterstelle vehementer als eher zurückhaltende Persönlichkeiten. Pferde mit einer ausgeprägten Fähigkeit zu riechen, finden möglicherweise häufiger Wasserstellen und ihnen folgen die anderen Pferde dann besonders vertrauensvoll, auch wenn sie sonst vielleicht besonders ängstlich sind. Ältere Tiere kennen die Umgebung besser als junge, daher ist es sinnvoll, einem erfahrenen Tier zu folgen. Jedes Pferd macht das, was sich für seine Existenz lohnt. Pferdegesellschaften folgen keinem allgemeingültigem Muster. Es gibt mehr oder weniger einzelgängerische Pferde, kleine Gruppen von einem Hengst, etwa 3 Stuten und deren Nachkommen, Junggesellengruppen, lockeren Ansammlungen… Auch ist nicht immer der Harem das häufigste Paarungssystem in Pferdegemeinschaften. Es wurden eheähnliche Paarbeziehungen ebenso gefunden wie Kooperationen von zwei befreundeten Hengsten in einer Stutengemeinschaft, die promisk miteinander leben. Auch „Fremdgehen“ mit alleinstehenden Hengsten ist für Stuten eher die Regel als die Ausnahme…

Was sagt die Verhaltensforschung zur Pferdeherde

Es konnte bisher keine klare Rangordnung festgestellt werden, das Verhalten der Pferde orientiert sich nicht an einer Position in der Gruppe, sondern an individuellen Charaktermerkmalen, (ein Tier ist z.B. aggressiver als ein anderes), der Motivation des einzelnen Tieres zu einem bestimmten Zeitpunkt und an Freundschaftsverhältnissen. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass ein Pferd dauerhaft dominant über ein anderes sein kann.

Soweit die Natur des Pferde, aber welche Motivation veranlasst den Pferdetrainern an der Dominanztheorie zu glauben? Ausgehend von dem Modell der Dominanzbeziehungen in einer Rangordnung will ein Pferdetrainer das Pferd unterordnen, um die Rolle des Leithengstes oder der Leitstute (da geht’s schon los) einzunehmen. Er will damit ein ungefährliches, gehorsames und gefügiges Pferd erschaffen. Ein nur allzu verständlicher menschlicher Wunsch, wenn man sich nach der absoluten Kontrolle sehnt!

Wenn die Dominanztheorie zutreffen wĂĽrde…

Rangbeziehungen bestehen laut der vorgegebenen Definition überhaupt nur zwischen Mitgliedern einer Gruppe, zwischen Angehörigen einer Tierart, die um z.B. Nahrung oder Sexualpartner, also um Ressourcen konkurrieren. Seit wann gehören Menschen und Pferde einer Art an und konkurrieren um Sexualpartner? Und wäre es wünschenswert von einem Pferd als Pferd angesehen zu werden? Sicher nicht, da Pferde ja Konflikte bekanntlich auch mit Tritten und Bissen lösen und in der Regel keine Diskussionen führen. Es besteht auch kein Hinweis darauf, dass uns Pferde als Pferde ansehen (zumindest wenn sie nicht fehlgeprägt sind). Sie begrüßen uns nicht wie ein anderes Pferd und kommunizieren mit uns auf eine andere Art und Weise. Sie wissen augenscheinlich, dass wir keine Pferde sind und haben noch nie von Rangordnungen gehört und schon gleich gar nicht von Dominanzbeziehungen zwischen Menschen und Pferden, welche die Pferdetrainer zu etablieren versuchen.

Würden wir uns denn als „würdiges“ Alphatier erweisen? Pferde merken schnell, welche Fähigkeiten ihr Gegenüber hat und welche nicht. Das Sehen von potentiellen Gefahren gehört beispielsweise nicht zu den Talenten des Menschen, der einen eingeschränkten Blickwinkel besitzt. Dies wäre aber eine wichtige Fähigkeit in der Rolle einer „Führungskraft“ in einer Pferdegesellschaft. Selbst wenn auch Rangordnungen zwischen zwei Arten möglich wären, wären wir Menschen aus Sicht des Pferdes sicher nicht die geborenen Führungspersönlichkeiten, sondern aufgrund unserer körperlichen Defizite wohl eher am unteren Ende der Rangordnung. Pferde kommunizieren zudem miteinander durch ein sehr differenziertes Repertoire an Lauten und körpersprachlichen Signalen. Nichts von alledem können wir Menschen erfolgreich imitieren, wir Menschen können in den Augen der Pferde also kaum als ein mögliches Alphatier angesehen werden, weil wir eben keine körperlichen Qualifikationen für diese Aufgabe vorweisen können.

Selbst wenn wir es irgendwie geschafft hätten, uns als Alpha durchzusetzen, könnten wir nicht über das Verhalten eines Pferd bestimmen. Rangordnungen haben nichts mit dem Prozess des Lernens zu tun. Selbst wenn wir der König der Pferdeherde wären; unser Pferd könnte deswegen noch immer keine  besseren Galoppwechsel. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.  Pferde lernen ebenso wie Menschen nur im Zusammenhang mit dem eigenen Erleben und nicht anhand eines sozialen Status. Nur weil unser Lehrer in der Schule eine gesellschaftlich höhere Position bekleidete, mussten wir trotzdem die Lerninhalte für uns selber erarbeiten, der soziale Rang der Lehrkraft hat eben keinen Einfluß auf die Leistungen der Schüler.

Alter Wein in neuen Schläuchen

Pferde sind nicht ungefährlicher oder gehorsamer, nur weil der Mensch dominant auftritt, aber das Konzept von einer übersichtlichen Hierachie ist eben zu verlockend. „Das Pferd soll hinter dem  Menschen gehen, weil (angeblich) der Führer vorne läuft.“ Diese These wurde noch nie bestätigt. Die Führung wechselt bei Pferden je nach Kontext, Jahreszeit, Motivation und Stimmung der einzelnen Individuen und es kann kein Alphatier im engeren Sinne ausgemacht werden.

„Ein Pferd, welches in der Umgebung umherschaut und sich nicht auf die Übung konzentriert, sollte streng korrigiert werden, denn es erkennt die Führung des Menschen nicht an. Nur das Leittier (und damit der Mensch) hat die Aufgabe, für die Sicherheit der Gruppe zu sorgen.“ Da es diese Aufgabenteilung in der Pferdegemeinschaft gar nicht gibt, wird unser Pferd beim Umherschauen wohl kaum das Missachten der Dominanz im Sinn haben, sondern eben nur abgelenkt oder gelangweilt sein. Wer jede kleine Unkonzentriertheit des Pferdes sofort als einen persönlichen Angriff auf seinen eigenen Status sieht sollte vielleicht eher an sein egozentrisches Weltbild in Frage stellen.

„Wir sollten unser Pferd niemals sich an uns scheuern lassen oder uns zum Kraulen auffordern lassen, da dies eine Respektlosigkeit darstellt und nur das ranghöhere Tier zum Fellkraulen auffordern darf.“ Unsinn! Wozu sollte ein Mensch aus Sicht des Pferdes gut sein? Ganz nĂĽchtern betrachtet zum Beispiel zum Scheuern. Unsere Körperform regt dazu anscheinend an, denn fĂĽr das Pferdeauge sehen wir doch viel mehr wie ein kleiner Baum aus als ein Artgenosse mit dem Prädikat “Ranghohes Alphatier” . Wenn wir nicht wollen, dass ein Pferd sich an uns scheuert, mĂĽssen wir gemeinsam an unseren Umgangsformen arbeiten, das bedeutet neue Verhaltensweisen mĂĽssen erlernt werden. Mit dem Kraulen und Scheuern wollen Pferde nur ihre Freundschaft ausdrĂĽcken, die wie die Forschung gezeigt hat auch in der Pferdeherde unabhängig von einem sozialen Status ausgetauscht werden.

„Pferde, die sich in Gegenwart von Menschen beißen, haben keinen Respekt vor dem Rang der Menschen.“ Oder „Ein Pferd, das am Führstrick zerrt, verhält sich dominant.“
Die Anhänger der Dominanztheorie werten jedes unerwünschte Verhalten als eine Mißachtung ihrer eigenen Person und möchten stets eine Führungsposition auf der Weide einnehmen. Diese Sichtweise sagt jedoch mehr über die Menschen aus die an diese Dominanztheorie glauben möchten als ihnen vielleicht lieb ist. Es ist ja ein verständlicher Wunschtraum, dass wir in unserem Leben immer alles kontrollieren können, dass wir immer der Chef sind, wir immer alles bestimmen und entscheiden dürfen und wir natürlich auch stets den Mittelpunkt aller Handlungen darstellen. Aber unser Alltag gestaltet sich oft ganz anders, durch die Arbeit, durch gesellschaftliche Zwänge oder familiären Verpflichtungen und wir erleben uns oft fremdgesteuert und ohnmächtig. Die Dominanztheorie gibt einem nun die Rechtfertigung seine Haustiere, Kinder oder Partner zu kontrollieren und sich selber zu erhöhen, so kann man in dem Gefühl der Macht schwelgen und endlich seinen eigenen Willen gegen andere durchsetzen.

Die Dominanztheorie hat sich durch keine einzige Untersuchung der Verhaltensbiologie bestätigen lassen, aber ihr Reiz und damit ihre weite Verbreitung in Reiterkreisen basiert daher wohl auf dem psychlogischen Effekt, dass sich ihre Anhänger in der Rolle des alles bestimmenden Alphatieres einfach zu gerne selber sehen möchten.

LG,

Marlitt

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  1. Apr 19, 2015: von Ughhh! Pferdeverhalten | Hunnenpony

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