Probleme im Auge des Betrachters

Eine andere Perspektive einnehmen

Wenn uns im gemeinsamen Training eine Verhaltensantwort des Pferdes verunsichert, sollten wir erst einmal innehalten und sowohl uns wie auch dem Pferd die Zeit geben unsere Gedanken und Gef├╝hle zu sortieren. In solchen Momenten ist es meist am sinnvollsten, die ├ťbungseinheit komplett abzubrechen, um in Ruhe zu ├╝berlegen, wie man selbst das gezeigte Verhalten des Pferdes bewertet und zu analysieren in welchen Situationen und warum das Pferd so reagiert hat. Pferde besitzen f├╝r jede ihrer Handlungen einen guten Grund, auch wenn uns Menschen dieser oft vielleicht nicht auf den ersten Blick auff├Ąllt. Sie agieren immer so wie es sich f├╝r ihre Natur als Pferd geh├Ârt, also zeigen im Rahmen ihres nat├╝rlichen Verhaltensrepertoires etwa Abwehrverhalten oder auch Fluchttendenzen. F├╝r uns ist es daher wichtig, Probleme im Training als Kommunikationsversuche unseres Pferdes zu werten. Gerade wenn es bereits bei sehr gut verinnerlichten Lektionen auf einmal hakt und das Pferd scheinbar stur oder abweisend reagiert, dann sollten wir┬á nicht automatisch das Pferd als “Fehlerquelle” identifizieren.
In diesen Situationen scheint sich offensichtlich etwas am Lernumfeld f├╝r das Pferd ver├Ąndert zu haben und es ist dann hilfreich die Ursache f├╝r m├Âgliche Unstimmigkeiten erst einmal bei sich selber zu suchen.
Wir k├Ânnen unsere eigenen Signale und Kommandos eindeutiger und vorhersehbarer f├╝r das Pferd gestalten, wenn wir gedanklich oder sogar in schriftlicher Form eine Art Vokabelheft anlegen. Zu diesem Zweck muss man sich aber auch selbst ganz genau beobachten und bis ins kleinste Detail wissen, welche K├Ârperhaltung wir einnehmen, wenn wir ein ganz bestimmtes Signal geben und welche Verhaltensantwort vom Pferd daraufhin gezeigt wird. Unsere eigene Ungenauigkeit und die Annahme unser Pferd werde schon wissen was wir von ihm wollen ist jedoch eines der gr├Â├čten Probleme im Training, aus dem eine Menge vermeidbarer Missverst├Ąndnisse entstehen k├Ânnen. Wer mal ÔÇ×zur├╝ckÔÇť sagt, mal ÔÇ×backÔÇť, mal rechts, mal links neben dem Pferd das Handzeichen gibt, der erschwert eine leicht verst├Ąndliche Kommunikation und verw├Ąssert nach und nach die Klarheit seiner Signale, die man gerade erst m├╝hsam erarbeitet hat.

Sein eigenes Bild betrachten
Es ist in mehrfacher Hinsicht n├╝tzlich, sein eigenes Bild von sich im Training zu betrachten, zum einen um die eigene K├Ârpersprache bei Videoaufnahmen oder im Bild zu ├╝berpr├╝fen, aber auch welches Bild bzw. welche Vorstellung von unserer Ausstrahlung und von unserem Auftreten dem Pferd gegen├╝ber tragen wir eigentlich in unserem Kopf. Es ist oft ├╝berraschend und manchmal sogar entlarvend, wenn man sich zum ersten Mal zusammen mit dem Pferd beim Training von au├čen beobachten kann. Wir k├Ânnen so aus der Distanz und auch mit einem gewissen emotionalen Abstand die problematische Situation auf uns wirken lassen und versuchen m├Âglichst objektiv unsere eigene Rolle in diesem Zusammenspiel zu bewerten. Bei konkreten Problemfeldern sollten wir uns daher ruhig die M├╝he machen die Situation mal von einer Freundin filmen zu lassen und so die vorliegenden Fehlerquellen wahrnehmen, welche uns innerhalb des Trainings gar nicht auffielen. Wenn wir unsere F├Ąhigkeiten und deren praktische Ausf├╝hrung wirklich kritisch und m├Âglichst unvoreingenommen bewerten, dann zeigt sich ziemlich oft, dass sich bereits Fehler oder kleine Ungenauigkeiten schon bei den wichtigen Grundlagen des Trainings eingeschlichen haben. Nach dem Motto: ÔÇ×Wenn etwas nicht klappt, zur├╝ck in den KindergartenÔÇť, heisst es nun in der Trainingshistorie ein paar Schritte zur├╝ck zu gehen. Es ist ja auch wirklich keine Schande zusammen mit seinem Pferd noch einmal an den Anf├Ąnger├╝bungen zu arbeiten, bevor man sich an einer anspruchsvollen Ausbildungsstufe festbei├čt. Diesen Besuch im “Kindergarten” k├Ânnen wir dann auch wieder in einem Video festhalten, um uns zu vergewissern, dass wir bei der Neuerarbeitung der einfachen ├ťbungen nicht wieder neue Unklarheiten erzeugen. Wir senken also den Level dieser Basis├╝bungen so weit ab, bis sich Pferd und Mensch wieder wohlf├╝hlen und auf der Kommunikationsebene keine Missverst├Ąndnisse mehr auftreten. Wenn wir uns dann sp├Ąter wieder auf unseren urspr├╝nglichen Ausbildungsweg begeben, haben sich oftmals schon viele Konfliktpunkte aufgel├Âst, denn wir sind uns nun unserer k├Ârpersprachlichen Unsch├Ąrfe bewusster geworden, haben durch den Blick von au├čen einen besseres Gef├╝hl f├╝r die Wechselwirkungen zwischen uns und dem Pferd entwickelt und lassen uns hoffentlich von dem guten Gef├╝hl und den vielen kleinen Erfolgserlebnissen f├╝r unsere weitere Arbeit befl├╝geln.

LG,
Marlitt

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