Wenn der Pferdekopf tabu ist

Kopfscheue Pferde verstehen

Es ist zum Verzweifeln, wenn Pferde sich weder am Kopf ber├╝hren noch aufhalftern lassen wollen, wenn jede Untersuchung durch den Tierarzt zur Belastungsprobe f├╝r die Beziehung zwischen Pferd und Mensch wird. Doch wie kommt es dazu, dass ein Pferd kopfscheu ist und wie k├Ânnen wir die Angst vor der Ber├╝hrung langfristig mildern?
W├Ąhrend wir Menschen z├Ąrtliches Streicheln im Gesicht oft als Liebesbeweis und Bekundung unserer Zuneigung ansehen, so empfinden Pferde diese Art der Zuwendung oftmals weniger angenehm als wir das erwarten. Sind Pferde nicht im engen Kontakt mit wohlmeinenden Menschen aufgewachsen und haben das Streicheln am Kopf von klein auf an als etwas Sch├Ânes erlebt, so haben sie keine positiven Assoziationen in Bezug auf menschliche Ber├╝hrungen in ihrem Langzeitged├Ąchtnis abspeichern k├Ânnen. Pferde sind n├Ąmlich von Natur aus erst einmal┬á kopfscheu, sie haben eine angeborene Abneigung gegen das Festhalten und Einschr├Ąnkungen ihrer Kopfbewegungen.

Den ├ťberblick bewahren
Als Lauftier ist es f├╝r ein Pferd lebensnotwendig im wahrsten Sinne des Wortes den Kopf frei zu behalten, um jederzeit den ├ťberblick zu wahren, den Kopf in jede Himmelsrichtung wenden zu k├Ânnen, um so fr├╝hzeitig Gefahren zu erkennen oder einen Fluchtweg zu w├Ąhlen. Unvorbereitete oder bereits unsichere Pferde erleben eine einengende Situation, ein schlichtes Streicheln am Kopf oder ein tats├Ąchliches Festhalten dann oft als existentielle Bedrohung, sie versp├╝ren Stress oder geraten gar in Panik, weil ihre Lieblings-Ausweichstrategie in der Regel die Flucht ist. Manche kopfscheue Pferde geraten in solchen Situationen v├Âllig au├čer sich, rei├čen sich los oder verletzen sich und Umstehende bei dem Versuch ihren Kopf m├Âglichst schnell und ruckartig aus dem Einflussbereich des Menschen zu bringen. Viele Tiere haben letztlich nie die Erfahrung gemacht, dass Ber├╝hrungen am Kopf auch etwas Positives darstellen k├Ânnen und verm├Âgen sich kaum noch zu konzentrieren oder entspannt und wirklich locker zu bewegen, sobald sie auch nur einen Hauch von Stoff am Kopf versp├╝ren. W├Ąhrend das Problem bei wild reagierenden Tieren offenkundig ist, werden Auff├Ąlligkeiten bei Pferden die sich ÔÇ×nurÔÇť unspezifisch unkonzentriert oder unsicher verhalten leicht ├╝bersehen oder aber gar nicht mit einem kopfscheuen Verhalten in Verbindung gebracht. Dabei kann das empfundene Ausma├č der Angst in beiden F├Ąllen ├Ąhnlich stark ausgepr├Ągt sein. Die Unterschiede in den Reaktionen liegen im individuellen Charakter und im Ausdrucksverhalten des jeweiligen Pferdes begr├╝ndet.

Hat das Pferd Schmerzen?
In manchen F├Ąllen muss zudem ein Schmerzgeschehen oder die Erinnerung daran zur Versch├Ąrfung des Problems in Betracht gezogen werden. Generell reagiert der Pferdekopf sehr sensibel auf Druckreize aufgrund der mannigfachen Rezeptoren in den Hautschichten. Insbesondere die Augen-, Ohren- und Maulpartie sind ├Ąu├čerst empfindlich, Unachtsamkeit in der Art der Ber├╝hrung oder nicht gut angepasste Ausr├╝stung k├Ânnen leicht zu Schmerzen und damit zu einem Abwehrverhalten f├╝hren.
Auch die Art des Umgangs bestimmt den Grad des Vertrauens des Pferdes. Wird es oft genug unsanft behandelt oder gar absichtlich Schmerzreize durch das Kopfst├╝ck ausge├╝bt, so lernt es daraus lediglich dem Menschen m├Âglichst auszuweichen statt ihm zu vertrauen. Der Schl├╝ssel zu einem sich vertrauensvoll dem Menschen zuwendenden Pferd liegt im Lernverm├Âgen der sanften Vierbeiner. Was nat├╝rlich schon ein Fohlen in den ersten Monaten lernen sollte kann mit etwas Geduld und planvollem Vorgehen auch ein erwachsenes, bisher kopfscheues Tier noch erlernen. Dabei ist es sinnvoll zun├Ąchst einmal das Ausma├č des Problems zu analysieren und genau zu notieren in welchen Situationen das Pferd wie stark reagiert. Gibt es etwa schon Schwierigkeiten, wenn man den Kopf ber├╝hren m├Âchte oder entzieht sich das Pferd erst dann wenn wir uns mit einem Gegenstand wie einem Halfter oder der Tube mit der Augensalbe n├Ąhern? Sind es bestimmte sensible Bereiche am Kopf wie etwa die Ohren oder die Maulwinkel, die nicht ber├╝hrt werden k├Ânnen? Ein besonderes Einf├╝hlungsverm├Âgen ist vonn├Âten, um wirklich entscheiden zu k├Ânnen, wann das Pferd erste Anzeichen von Unwohlsein oder Meideverhalten zeigt. Kein Pferd reagiert sofort mit blindem Steigen, sondern es zeigt seine Abneigung schon vorher durch subtile k├Ârpersprachliche ├äu├čerungen. Das Tier wird vermutlich zun├Ąchst den Blick abwenden, den K├Ârperschwerpunkt von uns wegbewegen oder den Kopf nur leicht von uns abwenden. Diese unmerklichen Zeichen gilt es als Merkmale des versp├╝rten Unbehagens zu erkennen und zu respektieren. Es macht keinen Sinn einfach die Reizschwelle des Pferdes zu ├╝berschreiten und im Training in einer angespannten Atmosph├Ąre zu arbeiten, w├Ąhrend der Stresslevel bereits so hoch ist, dass Lernen nicht mehr effektiv und entspannt m├Âglich ist.

LG,
Marlitt

2 Trackback(s)

  1. Jan 27, 2015: von Kopf scheu…. | Clickerpony
  2. Jan 27, 2015: von Anfassen verboten … :-) | Clickerpony

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