Pferdefreundlich und naturnah trainieren

Wie können Trainingsmethoden ethisch bewertet werden?

Wer will nicht im Sinne seines Pferdes handeln und es nach dem Vorbild der Natur trainieren?
Schaut man sich im dichten Geflecht der unterschiedlichen Pferdetrainingsmethoden um, so wimmelt es nur so von „pferdefreundlichen“ und „naturnahen“ Möglichkeiten der Erziehung und Ausbildung. Oft genug sind diese an sich schönen Attribute keine wirklichen Kennzeichen der Methode, sondern letztlich leere Worthülsen, die einfach gut klingen. Sie sollen implizieren, dass wir uns moralisch korrekt verhalten, da wir das bestmögliche zu leisten versuchen. Doch wie so oft liegt die Wahrheit über eine Vorgehensweise im Auge des Betrachters. Was der eine positiv sieht, erlebt der andere als Zumutung und als fast schon tierschutzwidrige Handlung. Um für sich selbst entscheiden zu können welche Trainingsmethoden tatsächlich naturnah und im Sinne des Pferdes sind, hilft es Ausbildungskonzepte kritisch zu hinterfragen. Folgende Fragen können uns vielleicht helfen ethisch vertretbare Umgangsweisen zu identifizieren und den Wahrheitsgehalt in den Aussagen der Pferde-Trainingsindustrie zu bestimmen.

Stimmt das was ich sehe mit dem ĂĽberein was mit blumigen Worten dargestellt wird?
Sehe ich einen mir unbekannten Pferdetrainer bei der Arbeit, so stelle ich mir zunächst immer die Frage, was ich wahrnehmen würde, wenn ich ohne jegliche Erklärung nur meinem Gefühl und dem gesunden Menschenverstand vertrauend bei dieser Vorführung wirklich beobachten kann. Sehe ich wirklich ein „Touchieren“ oder ist es doch eher ein Schlagen? Wird das Seil wirklich nur geschwungen oder könnte man doch eher vom Zielen auf den Kopf sprechen? Sehe ich hier ein Tier welches freiwillig und mit Freude mitarbeitet oder eines das emotional gestresst wird? Wird das Pferd gescheucht, eingeschränkt oder auf engstem Raum am kurzen Seil oder in einem kleinen Roundpen bedrängt? Welche Hilfsmittel werden eingesetzt und wie werden sie verwendet? Würde ich die Umgangsformen des Trainers als motivierende Handlungen bezeichnen? Und vor allem: Würde ich selbst gerne die Rolle des Pferdes einnehmen?
Oft genug haben Kinder einen herrlich unverstellten Blick auf die Realität. Bei einer großen Pferdemesse sagte ein Kind zur Arbeit eines bekannten „Pferdeflüsterers“ trotz tosendem Applaus des fachkundigen Publikums: „Warum ängstigt der Mann das Pferd?“. Es hat damit die wichtigste Frage zum Pferdetraining gestellt: Darf der Mensch das Pferd schlecht behandeln und ihm seinen Willen aufzwingen um bestimmte Trainingsziele zu erreichen? Unsere Tierliebe und unsere Verantwortung einem anderen Lebewesen gegenüber besteht darin eigene Ziele im Einklang mit dem anderen zu erreichen und nicht auf dessen Kosten. Dafür müssen wir auf unser Gefühl vertrauen und uns empathisch auf die Empfindungen des Pferdes einlassen und dürfen uns nicht von blumigen Worten oder der Inszenierung mit Musik und Kostüm ablenken lassen. Egal ob es nun „Horsemanship“, „Gentle Art“ oder „Einhornzauber“ genannt wird, entscheidend ist nicht der beschönigende Markenname, sondern welche Umgangsformen sich dahinter verbergen.

Welche Lernform herrscht vor?
Allen Pferdetrainingsmethoden gemein ist ihr Ziel dem Pferd etwas beizubringen. Natürlich muss ein Pferd nicht lernen rückwärts zu gehen oder still zu stehen, das kann es von Natur aus schon. Es soll lernen zu erkennen, wann der Mensch welches Verhalten sehen möchte. Es lernt also die Kommandos oder Signale des Trainers gewissermaßen als Vokabeln kennen. Wissenschaftlich betrachtet gibt es unterschiedliche Lernformen. Ob wir wollen oder nicht, ob wir es so benennen oder es dem „Feeling“ und Können des Trainers zuschreiben: Pferde lernen immer und ständig und ihr Lernverhalten unterliegt den biologischen Naturgesetzen des Denkens. Neben vielen anderen Lernarten herrschen im allgemeinen Pferdetraining sogenannte Konditionierungsprozesse vor. Pferde lernen aus den Folgen des eigenen Handelns und merken sich Dinge besonders gut die gleichzeitig stattgefunden haben. Dabei gibt es prinzipiell vier verschiedene Lernmöglichkeiten: Entweder lernt das Pferd, dass auf ein Verhalten etwas Angenehmes folgt. Es wird daraufhin seine Bemühungen wiederholen oder intensivieren. Diese Lernform nennt man positive Verstärkung. Das Wort „positiv“ ist hier mathematisch zu verstehen, es bezeichnet, dass etwas was das Verhalten des Tieres verstärkt, also wahrscheinlicher macht, hinzugefügt wird. Wird dem Tier etwas Angenehmes entzogen, so wird ein Verhalten seltener gezeigt werden. Erlebt das Tier in einer Situation Unbehagen oder gar Schmerz, so wird es diese Situation in Zukunft versuchen zu meiden. Wird eine unangenehme Erfahrung beendet, so wird das Pferd erleichtert sein. Jede Pferdetrainingsmethode lässt sich auf seine bevorzugte Lernart hin in eine dieser vier Bereiche einordnen. Arbeitet der Trainer vornehmlich indem er Druck aufbaut und nachlässt, das Pferd weichen lässt oder sonst wie bedrängt, so arbeitet er nach wissenschaftlicher Definition hauptsächlich im Bereich der sogenannten positiven Strafe und der negativen Verstärkung. Arbeitet er mit Futterbelohnungen, Streicheln und Zuwendung, so handelt er im Sinne der positiven Verstärkung. Alle Lernarten funktionieren grundsätzlich zur Erarbeitung neuer Lektionen, sie haben nur sehr unterschiedliche Auswirkungen auf das Wohlbefinden des Lernenden, seine Lerngeschwindigkeit und die möglichen psychischen Nebenwirkungen. Wer über Druckmethoden arbeitet, muss sich darüber im Klaren sein, dass diese ebenso wie Belohnungsmethoden nur dann funktionieren, wenn die Grundregeln des Lernverhaltens beachtet werden. Daher müssen bei Druckmethoden bei Nichtbefolgen der Wünsche des Trainers die Druckstufen erhöht werden und „Fehlverhalten“ wird dann aus Sicht des Menschen direkt mit Strafe geahndet. Die Belohnungsmethoden setzen im Gegensatz dazu darauf kleinschrittig das erwünschte Verhalten zu erarbeiten, indem es schon für geringe Fortschritte in die richtige Richtung belohnt wird, ohne jemals Strafe oder Druck zu verwenden.

LG,
Marlitt

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