Schmerzerinnerungen ernst nehmen

Schmerzen hinterlassen Spuren

Das Gehirn des Pferdes speichert unbewusst alle Eindrücke und Erinnerungen an schmerzhafte Momente und Situationen ab. Dabei erinnert sich das Pferd an den gesamten Vorgang, etwa an den Zusammenhang, dass ein unpassender Sattel Schmerzen an der Wirbelsäule ausgelöst hat. Nach und nach verstärkt sich durch weitere negative Erfahrungen diese Schmerzerinnerung, so dass das Pferd unbewusst beginnt, auch schon auf erste Anzeichen eines möglicherweise bevorstehenden Schmerzes zu reagieren. Die Schmerzerinnerung des Pferdes „meldet“ sich beispielsweise schon dann, wenn der Mensch mit dem Sattel aus der Sattelkammer kommt. Die Verknüpfung im Pferdegehirn „Sattel = Schmerzen“ führt dann dazu, dass das Pferd schon Schmerzsymptome zeigt, obwohl der Sattel den Rücken noch gar nicht berührt hat. Die Macht dieses Phänomens zeigt sich darin, dass es teilweise Monate oder Jahre braucht, bis ein Pferd wieder Vertrauen zu ehemals schmerzbehafteten Situationen findet. Es ist also nicht damit getan, einen unpassenden Sattel durch einen passenden zu ersetzen, es ist gewissermaßen eine bleibende Narbe auf der Seele des Pferdes.

Schmerzen gehören zum Leben
Bei all den negativen Aspekten der Schmerzempfindung dürfen wir jedoch nicht deren biologische Funktion vergessen: Schmerzen gehören für alle höheren Lebewesen zu ihrem Dasein. Kaum jemand, ob Mensch oder Pferd, wird in seinem Leben davon verschont bleiben und es ist ein essentielles Gefühl, welches uns Informationen über fehlendes Wohlbefinden oder eine körperliche Beeinträchtigung gibt. Dabei kann der Körper und vor allem auch der Geist lernen, mit Schmerzen umzugehen, sie zu akzeptieren und als das anzunehmen was sie sind: Botschafter für Defizite oder Unannehmlichkeiten. Schmerzen sind ebenso wie Glücksgefühle nicht nur von außen durch die Umstände bestimmt, sie sind im Gegenteil in höchstem Maße auch davon abhängig, wie man insgesamt seine Lebenssituation empfindet. Je stabiler der psychische Zustand und je glücklicher das Pferd ist, desto weniger können Schmerzen seine Lebensqualität beeinträchtigen. Natürlich erlebt auch ein sonst glückliches Pferd eine Verletzung oder Erkrankung als unangenehmen Reiz, es erholt sich aber in der Regel schneller davon als ein weniger glückliches Tier und es wird nicht jede kleine Beeinträchtigung als echtes Leid ansehen, sondern eher als kleine Unannehmlichkeit.

Ein Schutzpanzer fĂĽr das Wohlbefinden
An diesem psychologischen Aspekt der subjektiven Schmerzempfindung ist es möglich, präventiv anzusetzen. Es geht nicht nur darum, Schmerzen zu therapieren und unangenehme Einwirkungen von ihnen fernzuhalten, sondern darum, unseren Pferden einen möglichst dicken Schutzpanzer des Wohlbefindens und der psychischen Gesundheit mitzugeben. Dazu benötigt jedes Pferd ein erfülltes Leben und eine respektvolle, auf seine Persönlichkeit angepasste Zuwendung. Neben einer möglichst naturnahen Haltungsform ist auf das Vorhandensein stabiler Beziehungen innerhalb einer harmonischen Pferdegruppe zu achten. Freundschaften stärken das Immunsystem, die Partner bauen sich gegenseitig mental auf und geben sich etwa im Falle einer Erkrankung die nötige Unterstützung und Zuwendung, die kein Mensch von außen leisten kann. Hat ein Pferd erst einmal solche intensiven Freundschaften in einer Gruppe geschlossen, so sollten wir bestrebt sein, die Lebensbedingungen in dieser Konstellation immer weiter zu verbessern und nicht durch einen erneuten Stallwechsel zwar einige Außenbedingungen zu verbessern, aber das Tier damit aus seinem sozialen Umfeld wieder herauszureißen. Jedes Pferd braucht seine Freunde, ebenso wie Licht, Luft und die Freiheit zur Entfaltung seiner Bedürfnisse. Dieser vermeintliche „Luxus“ sollte dem Pferd nicht nur hin und wieder gestattet werden, sondern der ganz alltägliche Standard sein.

Hat mein Pferd akute oder chronische Schmerzen, so ist es äußerst wichtig, auch auf seine Tagesform einzugehen. Schmerzen werden nicht an jedem Tag, in jedem Moment gleich empfunden. Es ergibt sich oft die Möglichkeit, zu einer bestimmten Tageszeit oder bei gewissen Temperaturen mehr mit dem Pferd machen zu können. Um dem Tier Ablenkung von seinen Schmerzen zu verschaffen, ist es zudem sinnvoll, ihm immer wieder Anregungen zu bieten und sich intensiv mit ihm zu beschäftigen. Ruhige Spaziergänge, zärtliche Streicheleinheiten oder auch ein kleines Spiel werden meist sehr positiv aufgenommen und helfen bei der Genesung, weil wir durch unsere Zuneigung eine entspannte Atmosphäre erschaffen, welche das Wohlbefinden unseres vierbeinigen Patienten ungemein steigern kann.

LG,
Marlitt

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  1. Mrz 13, 2015: von Schmerz lass nach - Clickerpony

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