Die Kraft der Stille

Den Trainingsalltag entschleunigen

Möchte man sich dem Anderen vorbehaltlos annähern – sei es einem anderen Menschen oder einem Pferd – so wird dies nur dann geschehen, wenn man sich diesem Gegenüber ohne die Absicht nähert, etwas an ihm verändern zu wollen, ihn ständig erziehen oder belehren zu müssen. Erst in dem Augenblick, wenn man sein eigenes Mitteilungsbedürfnis an die Außenwelt ein wenig herunterfährt, gewinnen wir den Freiraum zum Zuhören, zum Einfühlen und Hineindenken in die Welt des anderen. Pferde beherrschen die Kunst der Stille, genießen die Freiheit des Nichtstuns und kosten jeden Augenblick aus. Sie haben ganz eigene Vorstellungen von ihrem Alltag und bringen ihr Bedürfnis nach Ruhe oder auch Aktivität nur sehr leise zum Ausdruck. Oft genug tauchen wir dann ganz überraschend auf der Weide auf und konfrontieren sie mit unseren Vorstellungen und Wünschen. Wir versuchen daraufhin auf mehr oder weniger positivem Weg unsere Ideen zu verwirklichen. Dabei dürfen wir nur eins nicht vergessen: Es sind ja stets unsere Ideen und meist weniger die Wünsche des Pferdes, welche wir mit allerhand Trainingsaufwand umzusetzen versuchen. Sicher möchte jeder von uns seine Freizeit mit dem Pferd sinnvoll gestalten, aber vor der tatsächlichen Ausgestaltung des Augenblicks kommt das Gefühl der Verbundenheit in uns selbst und mit dem Pferd. Und dieses Einfühlen entsteht eben nicht so nebenbei, wenn wir einfach mal so loslegen wollen und noch gefangen sind von der Hektik unseres Alltags.

Eine Insel der Ruhe schaffen
Verbundenheit bedeutet für mich das Pferd um seiner Selbst willen mit seinen Eigenarten, Vorlieben und Schwächen schätzen zu lernen. Damit wir nicht unbewusst unsere Ziele mit den vermeintlichen Vorstellungen des Pferdes vermischen, sollten wir uns diese unterschiedlichen Erwartungshaltungen noch bevor wir überhaupt an das Training denken klar vor Augen führen, also wenn wir dem Pferd zum ersten Mal begegnen. Nicht auf dem Reitplatz, nicht ausgerüstet mit Leckerlis und Targets, sondern einfach nur wir und das Pferd. Insbesondere die mitreißenden Erfolgserlebnisse während des Clickertrainings lassen uns immer weiter vorpreschen, Pferd und Mensch sind hochmotiviert und schon wird das nächste Etappenziel angepeilt. Also erst einmal tief durchatmen und sich frei machen von all dem „das muss man können“, „wir müssen weiterkommen“ und „das machen alle so“. Einfach mal sich und das Pferd überraschen und wirklich gar nichts anstreben oder machen. Nach einer kurzen Weile des Zusammenseins wird vermutlich bei dem einen oder anderen Ratlosigkeit auftauchen: Warum stehen wir hier und machen gar nichts, es muss doch etwas passieren. Das was wirklich geschieht, wird sich nicht laut und deutlich zeigen, sondern erst nach einer Weile und ganz leise. In aller Stille offenbart sich uns die „Stimme“ des Pferdes. Diese „Stimme“ drückt sich durch die übertragene Stimmung des Tieres aus und wir erfahren so mehr über die unerhörten Feinheiten unserer Beziehung. Im gemeinsamen Training erleben wir tagtäglich die körperliche Leistungsfähigkeit und den sportlichen Ehrgeiz von Mensch und Tier, aber für die unspektakulären Botschaften der Pferdepersönlichkeit bleibt da leider oft zu wenig Zeit. Jedes Pferd hat seine ganz eigene Art den Blick schweifen zu lassen, uns in die Augen zu schauen und uns in seine Welt mitzunehmen. Dieses Einlassen auf die Stille und die ruhige Kraft des Pferdes eröffnet uns die Möglichkeit mal die Initiative abzugeben und sich einfach treiben zu lassen. Vielleicht ergibt sich dabei ja auch ein ganz neuer Zugang zu unserem gemeinsamen Training, aber auf jeden Fall werden wir so viel über uns lernen und das Pferd darf auch mal den stillen Menschen erleben.

LG,
Marlitt

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