Der Leithengstmythos

Der Mensch als Alphatier?

Kaum ein Reiter kommt an ihm vorbei, dem Mythos um den sagenumwobenen Leithengst. Ausgehend von der Annahme, dass es in jeder Pferdeherde einen Leithengst g├Ąbe, der als eine Art Herrscher und Besch├╝tzer die Geschicke der Gruppe leitet, orientieren sich viele Pferdetrainer an diesem Bild, um zu erkl├Ąren, warum auch der Mensch diese Chefposition ├╝bernehmen soll. Erst wenn der Mensch als Alphatier bzw. F├╝hrungspers├Ânlichkeit anerkannt wird, soll angeblich ein f├╝gsames, unkompliziertes Pferd folgen. Nun hat sich in der wissenschaftlichen Forschung herausgestellt, dass es den Leithengst so gar nicht gibt. Jede Pferdegruppe ist ein stark individualisierter Verband, in dem jedes einzelne Tier seine Aufgaben hat und bestimmte Rollen einnimmt. Es wurde etwa nachgewiesen, dass durchaus auch Stuten F├╝hrungsrollen ├╝bernehmen und dass es je nach Situation, Jahreszeit, Motivation und vielen anderen f├╝r uns unsichtbaren Gr├╝nden mehr mal das eine mal das andere Pferd die Rolle des Anf├╝hrers ├╝bernimmt, die man fr├╝her vereinfacht lediglich dem Leithengst zugeordnet hat. Sogar Jungpferde k├Ânnen dabei in bestimmten Situationen solche Aufgaben wie die Erkundung neuer Areale oder die Absicherung der Gruppe ├╝bernehmen.

Funktioniert dominante K├Ârpersprache?
Ganz eng im Zusammenhang mit dem Leithengstmythos steht der weitverbreitete Irrtum vieler Pferdetrainer in Bezug auf die K├Ârpersprache. Es wird in weiten Kreisen angenommen, dass wir Menschen nur die K├Ârpersprache des Pferdes, am besten des angeblichen Leittieres imitieren sollen, um das Pferd zu dominieren bzw. es in seine Schranken zu weisen und uns selbst als souver├Ąne F├╝hrungspers├Ânlichkeit darzustellen. Zur Untermauerung dieser These wird vielfach die Arbeit im Roundpen herangezogen. Das Pferd wird dabei vom Trainer in der Zirkelmitte so lange au├čen im Kreis herum geschickt, bis es den Menschen angeblich als ÔÇ×rangh├ÂherÔÇť einstuft. Zahllose Workshops fordern dazu auf gegen ein entsprechendes Geld die faszinierende K├Ârpersprache der Pferde zu lernen. Inzwischen haben Forscher allerdings herausgefunden, dass es ein Irrglaube ist, dass die Arbeit im Roundpen auf einer brillanten K├Ârpersprache des Pferdetrainers basiert (siehe die dazugeh├Ârige Studie). Die Wissenschaftler verwendeten f├╝r ihre Studien ferngesteuerte Autos, die im eingez├Ąunten Zirkel die Rolle des Pferdetrainers einnahmen. Obwohl ferngesteuerte Autos nat├╝rlich keine K├Ârpersprache besitzen, ja noch nicht einmal Gliedma├čen oder bewegliche K├Ârperteile aufweisen, funktionierte die Arbeit im Roundpen ganz genau so wie gewohnt. Die Pferde lie├čen sich treiben und schlossen sich sogar dem Fahrzeug an. Wie ist dieses Ph├Ąnomen zu erkl├Ąren? Tats├Ąchlich funktioniert auch die Roundpen-Technik auf den allgemeing├╝ltigen Prinzipien der Lerntheorie. Pferde weichen Druck aus ÔÇô egal ob dieser von einem hochbegabten Bewegungswunder in Form eines Pferdetrainers ausge├╝bt wird oder durch eine Maschine, einen Roboter oder eben ein ferngesteuertes Auto. Sie lernen, dass sie keine Wahl haben als zu reagieren und dass sie nur in Ruhe gelassen werden, wenn sie sich so verhalten wie der Trainer es vorgibt. Mit ÔÇ×nat├╝rlicherÔÇť Ausstrahlung und K├Ârpersprache hat das Geschehen nichts zu tun. Auch ist es sachlich falsch anzunehmen, das Pferd w├╝rde in dem Trainer aufgrund dieses Mechanismus ein vertrauensw├╝rdiges Herdenmitglied sehen oder ihn gar als Leitfigur anerkennen. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Nur weil das Tier im gesicherten Umfeld des Roundpens mit seinem hohen Zaun und seinem kleinen Durchmesser dem Druck weicht bedeutet dies nicht, dass das Pferd nach einer solchen Trainingseinheit auch nur im geringsten etwas Positives in Bezug auf den Menschen gelernt hat.

LG,
Marlitt

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  1. Apr 10, 2015: von Ist Dominanztraining artgerecht? : Feine Hilfen
  2. Apr 19, 2015: von Dominanz bei Pferden, mal wieder ÔÇŽ | tierunterwegs

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