Wie Pferde lernen

Pferdeausbildung verstehen

Dass Pferde nicht wie Menschen denken, ist sicher jedem Reiter klar. Die Konsequenzen dieser Tatsache sind jedoch weitreichender, als man auf den ersten Blick annehmen mag. Das Gehirn und die Sinnesorgane der Pferde sind etwas anders ausgestaltet als bei uns Zweibeinern, ihr Lebensraum, ihre Nahrung und Bed├╝rfnisse unterscheiden sich von unseren, sie leben in einem anderen sozialen Gef├╝ge mit einem speziellen Miteinander, haben besondere Gepflogenheiten und lernen auch anders als wir.
Wollen wir nun unsere Pferde pferdegerecht ausbilden, gilt es uns so weit wie m├Âglich in sie hinein zu versetzen, ihre Sichtweise zu verstehen und mit ihnen gemeinsam zu agieren. Eine alte Reiterweisheit besagt ÔÇ×Das Pferd hat immer rechtÔÇť. Damit ist gemeint, dass Pferde sich immer so verhalten, wie es ihre Natur, ihr Entwicklungsstand und ihre Erfahrungen es ihnen erm├Âglicht. Egal, ob der Betrachter ihr Verhalten versteht oder guthei├čen kann, sie tun immer das, was sich f├╝r sie in ihrer Erlebniswelt richtig anf├╝hlt. Um das Verhalten eines Tieres wirklich verstehen und beeinflussen zu k├Ânnen, muss man sich immer fragen, ÔÇ×Warum macht mein Pferd das?ÔÇť, oder ÔÇ×Was sind seine Beweggr├╝nde?ÔÇť.

Denkverm├Âgen von Pferd und Mensch
Um sich die Motivation unseres Pferdes besser erkl├Ąren zu k├Ânnen, ist es wichtig sich sowohl die Gemeinsamkeiten als auch die Unterschiede im Denkverm├Âgen zwischen Pferd und Mensch bewusst zu machen. Unser menschliches Gehirn filtert die Informationen aus der Umwelt sehr effektiv, das bedeutet, dass f├╝r unwichtig erachtete Details ausgeblendet werden. Das Pferd ist dagegen ein wahrer Meister im gleichzeitigen Wahrnehmen der Gesamtheit aller wahrgenommenen Au├čenreize. ┬áEs nimmt sehr viele Details mit seinen scharfen Sinnesorganen wahr, filtert und gewichtet diese Reize jedoch anders als wir. Unser Pferd wird also sehr stark von seiner momentanen Wahrnehmungswelt beeinflusst, so sieht es die Reitergruppe in der Ferne, h├Ârt das Quietschen des Weidetores, nimmt den Duft des leckeren Grases und unsere Z├╝gelhilfe gleichzeitig wahr. W├Ąhrend wir Menschen uns also in dieser Situation nur auf unsere Z├╝gelhilfe und das damit verbundene reiterliche Ziel konzentriert haben, ist unser sensitives Pferd mit einer Vielzahl von Sinneseindr├╝cken besch├Ąftigt.

Pferdelogik funktioniert etwas anders
Ebenso sind wir Menschen beispielsweise in weitaus gr├Â├čerem Umfang als das Pferd in der Lage Sinnzusammenh├Ąnge logisch zu verkn├╝pfen. Wir wissen nat├╝rlich, dass wir in einer Reitstunde auf dem Reitplatz etwa die Z├╝gelhilfen verfeinern m├Âchten und der auffliegende Fasan auf dem Feld nebenan nichts mit dieser Aufgabenstellung zu tun hat. Unser Pferd nimmt jedoch auch diese Situation in ihrer Gesamtheit wahr und k├Ânnte nun den auffliegenden Vogel mit unseren Z├╝gelhilfen in Verbindung setzen. W├Ąhrend Pferde also vermehrt aus dem Gesamtkontext und ihren dabei empfundenen Emotionen ihre R├╝ckschl├╝sse ziehen, bewerten wir Situationen im Lichte unserer vorgefassten Zielvorstellungen.

Macht man sich dieses Ph├Ąnomen bewusst, so wird klar, dass Pferde in der Ausbildung die Gelegenheit brauchen, m├Âglichst viele Erfahrungen in verschiedenen Kontexten zu machen, Lektionen h├Ąufig genug wiederholt werden und unsere Hilfen eindeutig f├╝r das Pferd wiederzuerkennen sind. Sie brauchen etwa ├ťbungseinheiten auf dem Reitplatz ebenso wie Einheiten im Gel├Ąnde, da sie Erlerntes nicht ohne weiteres von einem Umfeld in ein anderes ├╝bertragen k├Ânnen. F├╝r Pferde ist jede kleine Bewegung von gro├čer Bedeutung. Stehen wir also einmal links neben unserem Pferd und geben das Haltsignal mit erhobener Hand, so kann es sein, dass es dieses Signal ein anderes Mal von der rechten Seite gegeben nicht versteht. Es ist oft nicht in dem selben Ma├če wie wir in der Lage die Bedeutung von neu eingef├╝hrten Signalen zu verallgemeinern. Das Pferd erkennt also die Muster in unseren reiterlichen Hilfen und Umgangsformen erst wenn wir eindeutig handeln und ihnen die Gelegenheit geben Lerninhalte in ihrem Tempo oft zu wiederholen und ├ťbungen in verschiedenen Lernumfeldern zu erleben.

LG,
Marlitt

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