Die “Chef-Frage” im Fokus

MĂĽssen wir der “Chef” in der Pferd-Mensch-Beziehung sein?

Verhaltensbiologisch betrachtet ist die Vorstellung von einem „Chef-Verhältnis“ so nicht haltbar. Eine Frage wäre schon allein von menschlicher Seite, was genau denn eine typische Chef-Beziehung überhaupt beinhalten würde. Selbst unter Menschen unterscheiden sich die Vorstellungen von einem guten, souveränen Chef doch erheblich. Fakt ist, wissenschaftlich gesehen, dass es auch unter Pferden „den“ einen Pferdechef so nicht gibt. Pferdeherden sind sehr unterschiedlich strukturiert, die einzelnen Tiere kennen einander, ihre Stärken und Schwächen und leben in unterschiedlich engen Beziehungen zueinander. Die Struktur einer solchen Gruppe ist je nach Gruppentyp (z.B. Familienverband oder auch Junggesellengruppe) sehr unterschiedlich organisiert, die Positionen untereinander nicht streng hierarchisch strukturiert, sondern abhängig von Dreiecksbeziehungen, Anwesenheit oder Fernbleiben eines befreundeten Tieres, Hormonstatus, Ressourcenangebot, Jahreszeit usw.) und variiert daher mal mehr, mal weniger stark.

Wenn wir nicht Chef sein müssen, wie können Pferde dann ausgebildet werden?

Positive Verstärkung hat viele Vorteile. Die Pferde agieren selbstständig in ihrem Lerntempo. Die Rückmeldung eines „Ja-richtig“, hat gegenüber dem „nein, das war es nicht“, oder „mach mehr“ den Vorteil, dass es eine klare Aussage gibt. Ein geschickter Übungsaufbau bietet immer nur ein einziges Ja, während sehr viele Dinge in der Situation aus menschlicher Sicht falsch und damit ein nein wären. Mit der positiven Arbeit mit Pferden wird dadurch Stress und Frustration vermieden. Die Tiere verknüpfen uns Menschen mit den Belohnungen, fühlen sich in unserer Gegenwart allgemein wohler und es ist einfacher so ein Vertrauensverhältnis aufzubauen.

Und wenn Pferde drängeln?

Einem Pferd beizubringen den Raum des Menschen zu akzeptieren ist auch bei der positiven Arbeit eine Basisaufgabe. Das Pferd soll dabei lernen, dass es sich lohnt, dem Menschen Raum zu geben, ihn nicht zu bedrängen oder unhöflich zu sein. Neben vielen aufeinander aufbauenden Höflichkeits- und Distanzübungen beginne ich mit einem bekanntermaßen drängelndem Pferd die Arbeit hinter einer Absperrung. Der Mensch befindet sich auf der anderen Seite eines massiven Zaunes. Jedes Abwenden, still und ruhig in Abstand stehen wird mit dem Markersignal punktgenau markiert und mit dem Futter weit weg vom Menschen belohnt. Sobald das Pferd konstant nicht mehr versucht auf dem direkten Wege über den Zaun zum Menschen hin zu betteln, kann dieselbe Übung ohne sichernden Zaun durchgeführt werden. Das Pferd lernt so, dass der Umweg über die Höflichkeit der Schlüssel zum Erfolg in Form von vielen Belohnungen ist. Strafen sind bei dieser Art der Arbeit nicht nur unnötig, sondern auch kontraproduktiv.

LG,

Marlitt

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