Stress in der Jungpferdeausbildung

Lieber vorbeugen statt behandeln

Die Ausbildungsphase ist eine stressige zeit f├╝r das junge Reitpferd. Vieles ├Ąndert sich im Leben des Tieres und eine ganze Reihe neuer Anforderungen muss bew├Ąltigt werden. Hatte das Jungpferd vor der Ausbildung ÔÇ×nurÔÇť sein Herdenleben und den Alltag zu meistern, kommen ab dem ersten Tag der Ausbildung viele neue Faktoren hinzu. Vom ausbildenden Menschen ├╝ber diverse unbekannte Ausr├╝stungsgegenst├Ąnde bis hin zu den Lerninhalten, alles ist neu und anders und es erfordert von uns Menschen viel Fingerspitzengef├╝hl dem Pferd das Lernen so leicht wie m├Âglich zu machen.

Stress wahrnehmen

Eines der gr├Â├čten Probleme liegt oft darin, dass Stress vom Ausbilder gar nicht als solcher wahrgenommen wird und das Pferd infolge dessen permanent ├╝berfordert wird. Oft wird Stress auch gar nicht als gr├Â├čere Bedrohung wahrgenommen, sondern einfach traditionell nach Schema F vorgegangen, ohne sich der heute bekannten negativen Auswirkungen von Stressgeschehen bewusst zu werden. Besonders chronischer, langanhaltender Stress, wie er leider unbemerkt in der Jungpferdeausbildung sehr h├Ąufig ist, kann weitreichende unerw├╝nschte Konsequenzen haben und birgt viele Risiken. Jeder Art von Stress gemein ist, dass ein Reiz auf das Pferd einwirkt und von diesem als Beeintr├Ąchtigung des seelischen Gleichgewichts wahrgenommen wird. Ein Jungpferd reagiert auf jede Ver├Ąnderung seines Umfeldes mit einer Anpassungsreaktion. W├Ąhrend kurzfristiger Stress punktuell auf das Pferd einwirkt und das Pferd in einen Zustand der inneren Alarmbereitschaft versetzt, der nach Bew├Ąltigung des Stresserlebnisses leicht wieder kompensiert werden kann, versetzt chronischer Stress das Pferd in einen anhaltenden Ausnahmezustand. Bei kurzfristigem Stress steht das k├Ârpereigene Alarmsystem im Vordergrund. Das Stress-Bew├Ąltigungssystem des Pferdes ist darauf ausgerichtet, bei Bedarf sofort alle Kr├Ąfte zu mobilisieren, um den K├Ârper wieder in seine nat├╝rliche Balance zu versetzen. Diesen typischen Mobilisierungsprozess kann man gut an den typischen sicht- oder messbaren Stress-Reaktionen wie einem gesteigerten Herzschlag, einem erh├Âhten Blutzuckerspiegel oder einer kr├Ąftigen Durchblutung erkennen. All diese Faktoren erh├Âhen die Leistungsbereitschaft des Tieres bei gleichzeitiger Schmerzunempfindlichkeit.

Die Stress-Reaktion verstehen

Auf der physiologischen Ebene spielen bei der typischen akuten Stress-Reaktion die Stresshormone eine zentrale Rolle. Das hormonelle System wird gesteuert und kontrolliert durch eine Funktionseinheit aus Hypophyse und Hypothalamus. Die klassische biologische Kettenreaktion verl├Ąuft folgenderma├čen: Der Hypothalamus reagiert auf eine Ver├Ąnderung der Hom├Âostase mit einer Aussendung des Botenstoffes CRH (Corticotropin-Releasing-Hormon) an die Hypophyse, die daraufhin das Hormon ACTH (Adrenocorticotropes Hormon) an die Nebennierenrinde schickt. Die Nebennierenrinde bildet daraufhin das Stresshormon Cortisol und das Nebennierenmark sch├╝ttet au├čerdem die Hormone Adrenalin und Noradrenalin aus. All diese unterschiedlichen Stresshormone f├╝hren zu der schon beschriebenen k├Ârperlichen Alarmbereitschaft. Ist das Pferd durch die Anpassung seines Verhaltens in der Lage, dem Stressor zu entkommen, so reguliert sich dieser hormonelle Zustand schnell wieder. Kritisch wird es f├╝r das Pferd immer dann, wenn es keinen L├Âsungsweg f├╝r sein empfundenes seelisches Ungleichgewicht findet und aus dem normalen, st├Ąndig auftretenden kurzfristigen Stress der chronische Stress wird.

Die Folgen von chronischem Stress

Dieser kann zu einer kompletten Stoffwechselentgleisung f├╝hren und zu oft jahrelang sichtbaren Krankheitssymptomen f├╝hren. Kennzeichnend f├╝r diese Art der Stoffwechselentgleisung ist das schon erw├Ąhnte Cortisol, welches bei chronischem Stress in gro├čen Mengen ausgesch├╝ttet wird. Die bekanntesten Folgen eines ├╝ber einen l├Ąngeren Zeitraum erh├Âhten Cortisolspiegel im Blut sind neben vielen anderen die erh├Âhte Tumoranf├Ąlligkeit, Immun- und Muskelschw├Ąchen, Ged├Ąchtnisprobleme und eine allgemeine Neigung zu Allergien, Infekten und Verdauungsproblemen. Gerade unter Jungpferden finden sich erschreckend viele Tiere mit scheinbar unerkl├Ąrlichen anhaltenden Verdauungsproblemen wie Kotwasser oder dauerhaftem Durchfall und eine deutliche H├Ąufigkeit an F├Ąllen von Magengeschw├╝ren. Nicht nur k├Ârperliche Auswirkungen sind bei Jungpferden zu finden, auch psychische St├Ârungen wie generalisierte Angstst├Ârungen, Hyperaktivit├Ąt oder Lethargie und sogar Depressionen oder unterschiedliche Verhaltensst├Ârungen wie Koppen oder Weben sind stressbedingt im ├ťberma├č vorhanden. Da viele, viele der erw├Ąhnten Krankheitsbilder und St├Ârungen oft genau im Alter zwischen drei und f├╝nf Jahren im Pferdeleben entstehen muss ein entscheidender Zusammenhang zur Phase der Ausbildung zum Reitpferd und dem damit verbundenen Stress vermutet werden.

LG,

Marlitt

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