Stress in der Jungpferdeausbildung

Wie also Stress rechtzeitig wahrnehmen?

Mehr Augenmerk muss zur Vermeidung der folgenschweren Auswirkungen von Stress auf die Erkennung der Stress-Symptome und das Wissen um eine stressfreie Ausbildung gelegt werden.  Stress zu erkennen ist nicht immer ganz einfach: zunächst muss zwischen aktiven und passiven Stresstypen unterscheiden werden. Es gibt Pferde, die sogenannten aktiven oder extrovertierten Stresstypen, die bei Frust eher herumtänzeln, schnappen oder auch steigen, und andere Pferde, die passiven oder introvertierten Stresstypen, welche eher „erstarren“, plötzlich immer langsamer werden und „stur“ oder „faul“ auf den ungeübten Betrachter wirken. Passive Stresstypen wirken auf den Betrachter „ruhig“ und nicht aufgeregt, daher denken die Ausbilder häufig, diese Pferde wären quasi stressresistent. Eine folgenschwere Fehleinschätzung die zu chronischem Stress für das Tier und meist ständiger Überforderung führt. Dieser Stresstyp „frisst seinen Kummer lange in sich hinein“, bis er dann scheinbar unvermittelt hervorbricht.

Beschwichtigungssignale beachten

Ganz allgemein ist es zur Wahrnehmung des Stressgeschehens wichtig auf Beschwichtigungssignale wie z.B. häufiges Gähnen oder auch Leerkauen, defensiver Gesichtsausdruck oder fehlendes Ohrenspiel bzw. auf körperliche Veränderungen, wie veränderte Atmung, verstärktes Schwitzen, vermehrte Kotabgabe, verspannte Muskulatur oder auch nur eine Veränderung der Lippen oder Nüstern achten.

Wachsam kann man auch die typischen Auslöser von Stress überwachen. Wichtig ist dabei zunächst auf die körperlichen Stressoren zu achten. Schmerzen, Hunger, Durst, körperliche Überforderung und vor allem Schlafmangel müssen beim Jungpferd unbedingt vermieden werden. Dazu sollte jedes Ausbildungspferd gründlich tierärztlich durchgecheckt werden und optimal untergebracht und versorgt werden. Dabei sind auch die sozialen Stressoren zu beachten. Pferde, die Probleme in ihrer Herde haben oder gar zu wenig Kontakte zu Artgenossen, können sich nicht entspannen und gut lernen. Umweltstressoren, wie unbekannte Gegenstände und Orte, Lärm oder Ablenkung durch Zuschauer müssen in Ruhe kennengelernt werden. Nicht zu unterschätzen sind auch die psychischen Stressoren wie der empfundene Leistungsdruck, Angst vor Strafe oder dem Versagen oder eine unterschwellige Langeweile.

Stressbedingte Auswirkungen auf den Lernfortschritt und die Leistungsbereitschaft

Unter Stress entstehen leicht Lernblockaden, Pferde sind dabei leicht erregbar, emotional unausgeglichen und oft wesentlich ängstlicher als im ausgeglichenen Zustand. Die gesamte Wahrnehmung des Tieres verändert sich entscheidend, da das Tier essentiell mit dem Stressauslöser beschäftigt ist und auf diesen fokussiert ist. Je mehr Stressfaktoren sich addieren, desto mehr sinkt die Reizschwelle und desto mehr erhöht sich die Reaktivität. Gestresste Pferde neigen dadurch zu gefährlichen Überreaktionen. Gerade auch die gesteigerte Ängstlichkeit führt beim Fluchttier Pferd zu übersteigerten Fluchttendenzen, die leicht vermieden werden können, achtet man rechtzeitig auf eine seelische Ausgeglichenheit. Die stresstypische Anspannung, der damit verbundene erhöhte Muskeltonus ist äußerst kontraproduktiv für eine sinnvolle Reitpferdeausbildung und einen gesunden Aufbau von Muskulatur und Kondition. Viele Pferde, die zu schnell zu viel können sollen, können am Ende häufig gar nichts richtig. Sie leiden an Konzentrationsmangel, Überforderung und je nach Wesen Unruhe oder Phlegma. Dabei kann das Begreifen und das nachhaltige Lernen nur funktionieren, wenn man sich an der Lerngeschwindigkeit des jeweiligen Pferdes orientiert, ihm Gelegenheiten zur Mitarbeit und zum Verstehen gibt, ihm die so wichtigen Lernpausen gönnt und das Erarbeitete durch Wiederholungen festigt.

Positive Grundstimmung erzeugen

Auch die gesamte Stimmung ist im Lernprozess sehr wichtig. Ein positives Gefühl beim Lernen fördert die Nachhaltigkeit, so wird häufig derjenige am schnellsten an sein Ziel kommen, der dem Pferd alle Zeit gelassen hat, die es benötigt. Nicht annehmen sollte man Angebote von Seiten des Pferdes, die ohne das dazugehörige Körperbewusstsein und die nötige Kraft entstehen. So gibt es sicher so einige Pferde, die schon sehr jung ein „piaffe-ähnliches“ Treten auf der Stelle zeigen können. Nimmt man dieses Angebot etwa an, ohne jedoch über den zu einer korrekten Piaffe nötigen Versammlungsgrad zu verfügen, so wird das Pferd zwar eine Pseudo-Piaffe zeigen, sich aber mit dem Erlernen einer korrekten Piaffe eher schwertun. Auch wird eine solche Pseudo-Lektion keinen gymnastizierenden Wert haben und damit eher schädlich als förderlich sein.

In Fällen, in denen es nicht auf eine körperliche Vorbereitung des Pferdes ankommt, kann man ein Angebot zumindest im Rahmen der altersbedingten Konzentrationsfähigkeit durchaus annehmen. So wird es sinnvoll sein, schon ein Fohlen eventuell mit der Mutter zu verladen und das bereitwillige Folgen des Jungtieres auf den Anhänger anzunehmen, ohne jedoch es mit einer Fahrt zu einer Kursteilnahme zu überfordern. Hier wird einfach ein Angebot angenommen, um einen Grundstein für die spätere Ausbildung zu legen. Ähnlich kann auch bei der reiterlichen Ausbildung schon früh ein erster Ansatz zu einem Seitengang angenommen werden, er wird dann etwa nur ein oder zwei Tritte verfolgt und zu einem späteren Zeitpunkt weiter gefestigt. Das typische Jungpferd hat darüber hinaus eine sehr kurze Konzentrationsspanne von wenigen Minuten, die sich erst im Verlauf der Ausbildung langsam verlängert. Nicht vergessen darf man außerdem, dass Pferde sehr stark situationsbezogen lernen. Was also in der Reithalle unter geschützten Rahmenbedingungen schon gut funktioniert und keinen Stress für das Pferd bedeutet muss auf dem Abreiteplatz beim Bundeschampionat noch lange nicht funktionieren, weil einfach oft die Erfahrung mit neuen Umgebungsreizen fehlt.

Kommt es doch einmal zu einer Überforderung des Jungpferde, zu einer deutlichen Stressreaktion oder einfach einer Denkblockade beim Pferd, so hilft es langfristig beiden Seiten weiter, Pausen einzulegen und sich nicht auf ein bestimmtes Ausbildungsziel zu versteifen. An anderer Stelle weiterzuarbeiten und zu einem späteren Zeitpunkt zum abgebrochenen Lernschritt zurückzukommen ist meist die sinnvollere Vorgehensweise als ein ständiges frustrierendes Dranbleiben.

LG,

Marlitt

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