Kinder des Zeitgeistes

Nicht alles auf die Weide tragen

Wir sind alle Kinder unserer Zeit. Erl├Ąrungsmodelle, Moden oder gef├╝hlte Wirklichkeiten spiegeln immer unsere Wahrnehmung der Au├čenwelt wieder. Wir haben die Anforderungen unserer Leistungsgesellschaft l├Ąngst verinnerlicht und tragen dann diese unbewusst auch zu den Pferden. Viele von uns halten die Dominanztheorie f├╝r plausibel, weil ja offentsichtlich┬á auch in unserer menschlichen Gesellschaft politische Alphatiere und prominente Wirtschaftskapit├Ąne die wichtigen Entscheidungen treffen. Der Pr├Ąsident oder der menschliche Leithengst wissen immer besser was f├╝r die Herde gut ist, es scheint eine naturgegebene Hierarchie zu existieren, welche f├╝r das friedliche Zusammenleben immer eine F├╝hrungspers├Ânlichkeit ben├Âtigt. Diese Weltanschauung stammt noch aus einer Zeit als wir es ungefragt akzeptierten uns den M├Ąchtigen zu unterwerfen und dieses Prinzip wurde dann in der traditionellen Reiterwelt bei den Pferden ÔÇ×nachgespieltÔÇť. Wir bewegen uns eben immer in Denkmodellen die unsere Zeit und damit uns pr├Ągen.

Die Gesetze des Marktes
Heute sind wir schon einen Schritt weiter, denn unsere Motivation wird nun h├Ąufig von wirtschaftlichen Interessen gepr├Ągt. Arbeit, Geld und Konsum sind die S├Ąulen um die wir jeden Tag Slalom laufen bis uns schwindelig wird. Zeit ist Geld, was kostet uns das und lohnt sich das ├╝berhaupt? Kosten-Nutzen-Rechnungen sind das kleine Einmaleins des Erfolgs. Dieses ÔÇ×NaturgesetzÔÇť sehen wir auch sofort bei den Pferden, sie brauchen f├╝r ihre Arbeitskraft eine angemessene Entlohnung. Nur wenn der Preis stimmt k├Ânnen wir auch einen entsprechenden Service von ihnen erwarten. Wir nehmen so auf der Weide verschiedene k├╝nstliche Rollen ein, die uns die Marktwirtschaft vorgibt, mal sind wir Handelspartner die ├╝ber einen gerechten Ausgleich feilschen, mal anspruchsvolle Kunden die f├╝r ihre Leckerliw├Ąhrung auch eine angemessene Leistung beanspruchen. Auf diesem Markt bekommt niemand etwas geschenkt. Nun hat aber nicht alles auf dieser Welt einen Preis, nur weil wir Menschen dazu neigen ├╝berall einen draufzukleben. Diese Spielregeln des Marktes ├╝bertragen wir auch auf unsere friedlichen Huftiere, wobei wir nat├╝rlich darauf bedacht sind sie nicht zu ├╝bervorteilen und gerecht zu entlohnen, das ist das gelebte Fair-Trade-Prinzip und funktioniert doch auch im Supermarkt.

Pferde ticken anders
Wir untersch├Ątzen hier aber die intellektuellen F├Ąhigkeiten der Pferde str├Ąflich, wenn wir ihre Motivation nur ├╝ber den Austausch von Gegenleistungen bewerten. Freiwilligkeit, Altruismus und Gro├čz├╝gigkeit haben in diesem Weltbild keinen Platz. Wir sind eben immer Kinder des Zeitgeistes und dieses Narrativ besagt dass unsere Pferde nur zu ihrem eigenen Vorteil agieren um so im Wettkampf um die Ressourcen ihr ├ťberlebens sichern. Aber ticken unsere Pferde wirklich so wie Buchhalter und rechnen sie sich tats├Ąchlich jeden kleinen Gewinn aus? Wir werden wahrscheinlich nie genau erfahren was in ihren gro├čen K├Âpfen so vor sich geht, aber wir realisieren vielleicht welches Wertesystem in unseren K├Âpfen vorherrscht und dass diese Form des Miteinanders nicht naturgegeben ist, sondern lediglich ein schiefes Abbild unserer Zeit darstellt.
Dabei ist das Zusammensein mit unseren Pferden die vielleicht letzte Oase der Nat├╝rlichkeit, die uns noch geblieben ist. Wir sollten uns daher immer kritisch hinterfragen mit welchen Erkl├Ąrungsmodellen wir unsere Pferde da konfrontieren und welche Motive wir ihnen unterstellen. Die Welt der Pferde hat sich in den letzten Millionen Jahren ganz unabh├Ąngig von uns entwickelt und ist wom├Âglich durch einen v├Âllig andersartigen Verhaltenskodex gepr├Ągt, welcher aufgrund seiner Friedfertigkeit vielleicht eines Tages eher unsere menschliche Gesellschaft bereichern k├Ânnte.

LG,
Marlitt

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