Kopfkino:

Durchgehen & Co

Im Falle eines Falles verlieren wir nicht nur buchstäblich die Kontrolle, in dem uns das Pferd eventuell die Zügel aus der Hand reißt und von seinen immensen Kräften Gebrauch macht, sondern es läuft in unserem Kopf eine blitzschnelle Vorstellung vom schlimmstmöglichen Schreckensszenario ab. Dabei setzt sich blitzschnell, völlig unbewusst und damit für uns kaum kontrollierbar eine Kettenreaktion im Körper in Gang. Unterschiedliche Angstkaskaden dienen letztlich in unserem von der Natur mitgegebenen Überlebensprinzip dazu unsere Gesundheit und Unversehrtheit möglichst unter Kontrolle zu halten und so werden in Sekundenbruchteilen alle verfügbaren Kräfte unseres Körpers freigesetzt. Unsere Muskeln straffen sich, der Herzschlag wird erhöht, Pupillen erweitert, all unsere Sinne sind hellwach und der Körper auf eine Alarmsituation eingestellt. Ursächlich beteiligt an diesen körperlichen Angstreaktionen sind die sogenannten Stressachsen und Neurotransmittersysteme im Körper.

Stressachsen - hochreaktive Neurotransmittersysteme

Die bekannteste Stressachse, die Hypothalamus–Hypophysen-Achse setzt eine miteinander verbundene Ausschüttungskette von Hormonen in Gang an deren Ende dann die eigentliche körperliche Reaktion steht. Der Hypothalamus aktiviert die Hirnanhangsdrüse (Hypophyse), eines unserer wichtigsten Kontrollmodule im Gehirn, indem er den Sympathikus aktiviert und sogenannte Release-Hormone ausschüttet, die wiederum die Hypophyse dazu anregen ihrerseits Hormone auszuschütten, die wiederum direkt auf die beteiligten Zielorgane wirken und so die punktuelle Leistungsfähigkeit des Körpers enorm erhöhen.

Die Neurotransmittersysteme im Körper wirken dabei als höchst komplexes Gesamtbild auf die feinen tatsächlichen körperlichen Reaktionen und die Unterschiede in der entstehenden Empfindung ein. Dieses biologische Notfall-Programm hat bereits unsere prähistorischen Vorfahren in lebensgefährlichen Situationen beschützt, aber in unser modernen Welt sind diese Hormonkaskaden manchmal doch eher hinderlich. So lässt unser Körper manchmal alle Alarmsirenen schrillen als wäre ein Säbelzahntiger hinter uns her nur weil unser Pferd eine leicht nervöse Reaktion gezeigt hat. Unsere Gefühlswelt ist eben zu großen Teilen abhängig von unserem körperlichen Hormonstatus.

Auswirkungen von Stress

So fĂĽhrt beispielsweise ein dauerhaft niedriger Serotoninspiegel zu einer vermehrten allgemeinen Ă„ngstlichkeit. Diese Angstkaskaden sind nicht nur in tatsächlich direkt Angst auslösenden Momenten des Lebens beteiligt, sondern auch im Bereich des „Sorgenmachens“ und der Angst vor dem Kontrollverlust, also bei so ziemlich allen Situationen in denen man sich fragt „was wäre wenn…?“. Je stärker sich diese Angst manifestiert Situationen nicht gewachsen sein zu können, desto mehr Stresshormone werden dauerhaft ausgeschĂĽttet und desto weniger locker und entspannt können wir dem GegenĂĽber Pferd ĂĽberhaupt noch zukĂĽnftig begegnen. Völlig unabhängig von unseren tatsächlichen Fähigkeiten kann sich so leicht aus der Angst vor Kontrollverlust eine tiefe Verunsicherung in unser Können ergeben. Die pure Angst vor dem Kontrollverlust fĂĽhrt dabei sehr oft zu Vermeidungsreaktionen. Wir trauen uns gar nichts mehr zu und packen nach und nach uns und unser Pferd buchstäblich in Watte. Aus Angst auch nur einen winzigen Moment nicht Herr der Lage sein zu können, also z.B. das Pferd nicht lenken, steuern oder die Geschwindigkeit vorgeben zu können, probieren wir erst gar nicht erst was möglich ist, sondern halten uns in einem immer kleineren vermeintlich sicheren GedankengefĂĽge auf. Wir trauen uns nach und nach nichts mehr zu und engen unseren Aktionsradius so mehr und mehr ein.

Pferde sind GefĂĽhlsspezialisten

Dieses Phänomen wird dann noch dadurch verstärkt, dass Pferde wahre Meister im Aufspüren menschlicher Empfindungen sind. Sie lesen unsere Ängste, können diese in ihrer Ursache nicht immer richtig einordnen und das führt zu Missverständnissen zwischen Mensch und Pferd. Sie spüren in erster Linie die nackte Angst und weniger das warum und wieso. Und die Angst des Reiters führt bei vielen, gerade selbst unsicheren oder nervösen Pferden ihrerseits zu Stress-  und ausgeprägten Angstreaktion. Damit wird ein Teufelskreis in Gang gesetzt, da eben gestresste, verängstigte und nervöse Pferde genau zu solchen unkontrollierbaren Stressreaktionen wie Durchgehen oder Scheuen neigen und damit wiederum die sowieso schon vorhandene Angst des Reiters befeuern.

LG,

Marlitt

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